[phpBB Debug] PHP Warning: in file [ROOT]/ext/kinerity/bestanswer/event/main_listener.php on line 514: Undefined array key "poster_answers" Johann Joseph Jörger - Deutsches Wikipedia-Forum
Johann Joseph Jörger (21. Oktober 1860 – 31. August 1933) war ein Schweizer Psychiater, Gründungsdirektor der psychiatrischen Klinik Waldhaus in Chur und ein prominenter Befürworter der Eugenik. Seine erbbiologischen Forschungen zu Jenischen Familien in Graubünden dienten der Legitimierung der Diskriminierung und Verfolgung der Jenischen in der Schweiz des 20. Jahrhunderts, einschließlich Zwangsvertreibungen und Sterilisationen von Kindern.
== Leben ==
Jörger war der einzige Sohn von Johann Benedikt Jörger, einem Schmied und Landwirt, und Fidelia, geborene Vieli, aus Vals, Schweiz. Nach dem Besuch der Primarschule in Vals und des Gymnasiums in Schwyz studierte er Medizin an der Universität Basel und der Universität Zürich (1880–1884, Promotion 1888 in Basel). Er arbeitete 1885 als Arzt in Andeer (für das Dorf und seine Kuranstalt), dann als Assistenzarzt und stellvertretender Arzt (1886–1891) und kurzzeitig als kommissarischer Direktor (1889) der psychiatrischen Klinik Sankt Pirminsberg in Pfäfers.
1892 übernahm Jörger die Leitung der neu gegründeten psychiatrischen Klinik Waldhaus in Chur, die er bis 1930 innehatte. Er beteiligte sich auch an der Gründung weiterer Anstalten für psychisch Kranke, insbesondere in Herisau (1908) und an der Justizvollzugsanstalt Realta (1919). 1885 heiratete er Paulina Hubert aus Vals, Tochter des Kochs und Bäckers Johann Anton Hubert. Das Paar hatte vier Kinder, darunter Johann Benedikt Jörger, ebenfalls Psychiater, und Paula Jörger, Lehrerin und feministische Aktivistin.
== Eugenische Forschung und ihre Folgen ==
Als Psychiater war Jörger insbesondere auf dem Gebiet der Eugenik tätig. Ab Mitte der 1880er Jahre begann er mit der Zusammenstellung von Genealogien auf der Grundlage von Eugenik und Rassenbiologie über die Jenischen in Graubünden. Darauf aufbauend untersuchte er die Fälle zweier Familien, die mit den Pseudonymen „Zero“ und „Markus“ bezeichnet wurden; Seine Erkenntnisse wurden 1919 unter dem Titel „Psychiatrische Familiengeschichten“ im deutschen Julius Springer-Verlag veröffentlicht. In diesen Texten präsentierte Jörger diffamierende Darstellungen der angeblichen Degeneration dieser Familien, die er über Generationen hinweg „wissenschaftlich“ zu belegen versuchte, wobei er sich vor allem auf die von Auguste Forel entwickelte Theorie der Blastophthorie (Keimzellschädigung durch Alkohol) stützte. Er warnte vor den Gefahren der Verbreitung vermeintlich „minderwertigen“ genetischen Erbes und der finanziellen Belastung der Öffentlichkeit durch die Betreuung armer jenischer Familien.
Jörgers Forschungen zur Erbbiologie stießen über die Psychiatrie hinaus auf breites Interesse und dienten dazu, die Diskriminierung und Verfolgung der Jenischen im 20. Jahrhundert „wissenschaftlich“ zu legitimieren. Kantonsbehörden und Politiker in Graubünden stützten sich auf seine Schriften, um die Einführung des kantonalen Armenfürsorgegesetzes von 1920 zu rechtfertigen, das eugenische und Zwangsfürsorgemaßnahmen gegen als „Landstreicher“ eingestufte Personen vorsah, darunter Sterilisation, Heiratsverbot, Unterbringung in Heimen und Kindesentführung – letzteres vertrat Jörger als erster. Die „Psychiatrischen Familiengeschichten“ dienten als Hauptvorlage für die Gründung der Initiative „Kinder der Landstraße“ durch Pro Juventute im Jahr 1926. Ihr Gründer und Leiter, Alfred Siegfried, zitierte wiederholt Jörgers Wirken, um die systematische Auflösung jenischer Familien und die Unterbringung von Kindern in Pflegefamilien oder Heimen zu rechtfertigen. Jörgers Theorien wurden auch im nationalsozialistischen Deutschland aufgegriffen, insbesondere von Ernst Rüdin, der 1933 an der Ausarbeitung des Gesetzes zur Verhütung erbkranker Nachkommen (Sterilisationsgesetz) beteiligt war.
== Andere Aktivitäten ==
Jörger war Mitglied verschiedener Berufsverbände, darunter der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie, der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Graubünden und des Schweizer Alpen-Clubs (SAC). Er verfasste auch literarische Texte im Valser Dialekt, insbesondere „Urchigi Lüt“ (1918) und „Dr hellig Garta“ (1920).
Nach Jörgers Weggang führte sein Nachfolger als Direktor des Waldhauses, Gottlob Pflugfelder, in den 1950er Jahren die von Jörger begonnene Dokumentation weiter und entwickelte unter dem pejorativen Namen „Sippenarchiv“ ein genealogisches Archiv, das sogenannte Genealogische Archiv der Psychiatrischen Klinik Waldhaus.
== Bibliographie ==
=== Funktioniert ===
* Jörger, Johann Joseph: ''Urchigi Lüt. Geschichten im Valserdialekte'', 1918.
* Jörger, Johann Joseph: ''Psychiatrische Familiengeschichten'', 1919.
* Jörger, Johann Joseph: ''Dr hellig Garta. Geschichte im Valserdialekt'', 1920 (2nd ed. 2021).
* Jörger, Johann Joseph: "Die Vagantenfrage", in: ''Der Armenpfleger'', 22/2, 1925, pp. 17–21; 22/3, 1925, pp. 25–30; 22/4, 1925, pp. 33–36.
=== Sources ===
* Jörger, Paula: "Johann Joseph Jörger, 1860–1933", in: ''Bedeutende Bündner aus fünf Jahrhunderten'', vol. 2, 1970, pp. 321–332.
=== Secondary literature ===
* Mornaghini-Zweidler, Liliana: ''Der Psychiater Johann Joseph Jörger (1860–1933)'', 1975.
* Huonker, Thomas: ''Fahrendes Volk – verfolgt und verfemt. Jenische Lebensläufe'', 1987, pp. 230–241.
* Galle, Sara: ''Kindswegnahmen. Das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» der Stiftung Pro Juventute im Kontext der schweizerischen Jugendfürsorge'', 2016.
* Aliesch, Carmen: "Das Waldhaus, die Eugenik und die Jenischen im 20. Jahrhundert: Eine Untersuchung des sogenannten 'Sippenarchivs' der Psychiatrischen Klinik Waldhaus", in: ''Jahrbuch Historische Gesellschaft Graubünden'', 147, 2017, pp. 101–144.
* Rietmann, Tanja: ''Fürsorgerische Zwangsmassnahmen. Anstaltsversorgungen, Fremdplatzierungen und Entmündigungen in Graubünden im 19. und 20. Jahrhundert'', 2017.
* Gusset, Silas; Seglias, Loretta; Lengwiler, Martin: ''Versorgen, behandeln, pflegen. Geschichte der Psychiatrie in Graubünden'', 2021.
1860 births
1933 deaths
People from Graubünden
Swiss psychiatrists
Eugenicists
University of Basel alumni
University of Zurich alumni
Swiss Roman Catholics
Johann Joseph Jörger (21. Oktober 1860 – 31. August 1933) war ein Schweizer Psychiater, Gründungsdirektor der psychiatrischen Klinik Waldhaus in Chur und ein prominenter Befürworter der Eugenik. Seine erbbiologischen Forschungen zu Jenischen Familien in Graubünden dienten der Legitimierung der Diskriminierung und Verfolgung der Jenischen in der Schweiz des 20. Jahrhunderts, einschließlich Zwangsvertreibungen und Sterilisationen von Kindern.
== Leben ==
Jörger war der einzige Sohn von Johann Benedikt Jörger, einem Schmied und Landwirt, und Fidelia, geborene Vieli, aus Vals, Schweiz. Nach dem Besuch der Primarschule in Vals und des Gymnasiums in Schwyz studierte er Medizin an der Universität Basel und der Universität Zürich (1880–1884, Promotion 1888 in Basel). Er arbeitete 1885 als Arzt in Andeer (für das Dorf und seine Kuranstalt), dann als Assistenzarzt und stellvertretender Arzt (1886–1891) und kurzzeitig als kommissarischer Direktor (1889) der psychiatrischen Klinik Sankt Pirminsberg in Pfäfers. 1892 übernahm Jörger die Leitung der neu gegründeten psychiatrischen Klinik Waldhaus in Chur, die er bis 1930 innehatte. Er beteiligte sich auch an der Gründung weiterer Anstalten für psychisch Kranke, insbesondere in Herisau (1908) und an der Justizvollzugsanstalt Realta (1919). 1885 heiratete er Paulina Hubert aus Vals, Tochter des Kochs und Bäckers Johann Anton Hubert. Das Paar hatte vier Kinder, darunter Johann Benedikt Jörger, ebenfalls Psychiater, und Paula Jörger, Lehrerin und feministische Aktivistin.
== Eugenische Forschung und ihre Folgen ==
Als Psychiater war Jörger insbesondere auf dem Gebiet der Eugenik tätig. Ab Mitte der 1880er Jahre begann er mit der Zusammenstellung von Genealogien auf der Grundlage von Eugenik und Rassenbiologie über die Jenischen in Graubünden. Darauf aufbauend untersuchte er die Fälle zweier Familien, die mit den Pseudonymen „Zero“ und „Markus“ bezeichnet wurden; Seine Erkenntnisse wurden 1919 unter dem Titel „Psychiatrische Familiengeschichten“ im deutschen Julius Springer-Verlag veröffentlicht. In diesen Texten präsentierte Jörger diffamierende Darstellungen der angeblichen Degeneration dieser Familien, die er über Generationen hinweg „wissenschaftlich“ zu belegen versuchte, wobei er sich vor allem auf die von Auguste Forel entwickelte Theorie der Blastophthorie (Keimzellschädigung durch Alkohol) stützte. Er warnte vor den Gefahren der Verbreitung vermeintlich „minderwertigen“ genetischen Erbes und der finanziellen Belastung der Öffentlichkeit durch die Betreuung armer jenischer Familien.
Jörgers Forschungen zur Erbbiologie stießen über die Psychiatrie hinaus auf breites Interesse und dienten dazu, die Diskriminierung und Verfolgung der Jenischen im 20. Jahrhundert „wissenschaftlich“ zu legitimieren. Kantonsbehörden und Politiker in Graubünden stützten sich auf seine Schriften, um die Einführung des kantonalen Armenfürsorgegesetzes von 1920 zu rechtfertigen, das eugenische und Zwangsfürsorgemaßnahmen gegen als „Landstreicher“ eingestufte Personen vorsah, darunter Sterilisation, Heiratsverbot, Unterbringung in Heimen und Kindesentführung – letzteres vertrat Jörger als erster. Die „Psychiatrischen Familiengeschichten“ dienten als Hauptvorlage für die Gründung der Initiative „Kinder der Landstraße“ durch Pro Juventute im Jahr 1926. Ihr Gründer und Leiter, Alfred Siegfried, zitierte wiederholt Jörgers Wirken, um die systematische Auflösung jenischer Familien und die Unterbringung von Kindern in Pflegefamilien oder Heimen zu rechtfertigen. Jörgers Theorien wurden auch im nationalsozialistischen Deutschland aufgegriffen, insbesondere von Ernst Rüdin, der 1933 an der Ausarbeitung des Gesetzes zur Verhütung erbkranker Nachkommen (Sterilisationsgesetz) beteiligt war.
== Andere Aktivitäten ==
Jörger war Mitglied verschiedener Berufsverbände, darunter der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie, der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Graubünden und des Schweizer Alpen-Clubs (SAC). Er verfasste auch literarische Texte im Valser Dialekt, insbesondere „Urchigi Lüt“ (1918) und „Dr hellig Garta“ (1920).
Nach Jörgers Weggang führte sein [url=viewtopic.php?t=20926]Nachfolger[/url] als Direktor des Waldhauses, Gottlob Pflugfelder, in den 1950er Jahren die von Jörger begonnene Dokumentation weiter und entwickelte unter dem pejorativen Namen „Sippenarchiv“ ein genealogisches Archiv, das sogenannte Genealogische Archiv der Psychiatrischen Klinik Waldhaus.
== Bibliographie ==
=== Funktioniert ===
* Jörger, Johann Joseph: ''Urchigi Lüt. Geschichten im Valserdialekte'', 1918. * Jörger, Johann Joseph: ''Psychiatrische Familiengeschichten'', 1919. * Jörger, Johann Joseph: ''Dr hellig Garta. Geschichte im Valserdialekt'', 1920 (2nd ed. 2021). * Jörger, Johann Joseph: "Die Vagantenfrage", in: ''Der Armenpfleger'', 22/2, 1925, pp. 17–21; 22/3, 1925, pp. 25–30; 22/4, 1925, pp. 33–36.
=== Sources ===
* Jörger, Paula: "Johann Joseph Jörger, 1860–1933", in: ''Bedeutende Bündner aus fünf Jahrhunderten'', vol. 2, 1970, pp. 321–332.
=== Secondary literature ===
* Mornaghini-Zweidler, Liliana: ''Der Psychiater Johann Joseph Jörger (1860–1933)'', 1975. * Huonker, Thomas: ''Fahrendes Volk – verfolgt und verfemt. Jenische Lebensläufe'', 1987, pp. 230–241. * Galle, Sara: ''Kindswegnahmen. Das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» der Stiftung Pro Juventute im Kontext der schweizerischen Jugendfürsorge'', 2016. * Aliesch, Carmen: "Das Waldhaus, die Eugenik und die Jenischen im 20. Jahrhundert: Eine Untersuchung des sogenannten 'Sippenarchivs' der Psychiatrischen Klinik Waldhaus", in: ''Jahrbuch Historische Gesellschaft Graubünden'', 147, 2017, pp. 101–144. * Rietmann, Tanja: ''Fürsorgerische Zwangsmassnahmen. Anstaltsversorgungen, Fremdplatzierungen und Entmündigungen in Graubünden im 19. und 20. Jahrhundert'', 2017. * Gusset, Silas; Seglias, Loretta; Lengwiler, Martin: ''Versorgen, behandeln, pflegen. Geschichte der Psychiatrie in Graubünden'', 2021.
1860 births 1933 deaths People from Graubünden Swiss psychiatrists Eugenicists University of Basel alumni University of Zurich alumni Swiss Roman Catholics [/h4]
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